*** BERGFEST

Es ist Halbzeit. Und ich hatte jetzt ein paar Tage Zeit um den letzten Monat Revue passieren zu lassen und in mich hineinzuspüren, was sich verändert hat. Ich habe mich gefragt, ob mir etwas fehlt, was ich noch will oder nicht will und wie sich das alles eigentlich wirklich anfühlt.

Fazit: Es geht mir gut. Das klingt einfach, ist aber gerade ein so facettenreiches Gefühl, dass ich sicher mehrere Seiten lang beschreiben könnte, warum. Das ist mir für hier zu privat, aber ich mache das in meinem ganz analogen Tagebuch, ganz oldschool, mit Stift auf Papier.

Die meisten Stunden meiner Wachzeit der letzten vier Wochen habe ich mit Gehen verbracht. Schon das ist für mich äußerst untypisch, als chronischem Spaziergang-Hasser… Spazieren gehen empfinde ich als eine sinnlose und ineffektive Zeitverschwendung, und ich frage mich immer wie man es nur zustande bringt ohne Grund zu gehen, wenn man doch zumindest mit dem Rad viel schneller und besser unterwegs sein kann… 😉. Aber gehen in den Bergen hat eine ganz andere Bedeutung für mich und ist voller Inhalte. Ich habe auch in vorherigen Beiträgen schon beschrieben, wie der Rhythmnus der Schritte und des Atems die Wahrnehmung prägt. Wie Umfeld und Inneres, Natur und Körper miteinander dialogisieren.

Farben und Formen. Was ich sehe, ganz unmittelbar, sind viele Farben und Formen, die ihrer schlichten Klarheit so schön sind, dass ich mir manchmal wünsche, all meine Möbel und all meine Kleidung wäre nur in diesen Tönen. Vor meinem inneren Auge sehe ich genau, wie sich die Farben des Gesteins auf meinem Weg von Ost nach West verändert schon bis hier verändert hat. Von dem kargen, hell weißen Kalkstein in den Julischen Alpen, zu den rötlich metalldurchzogenen Felsen in ihren geschichteten Formationen in den Karnischen Alpen. Dann in den grauen spitzen Felsen und ihren starken blockhaften Maserungen in den Dolomiten, die sich in den Himmel recken, bis hin zu den weiten Wiesen, der unglaublich bunten Vielfalt von Steinen auf den steilen Wegen (siehe Fotos) und den sich auftürmenden Riesen von dunklem Fels und weißem und türkis glänzendem Eis hier in der Ortlerregion. Diese Farben sehe ich auch jetzt noch alle klar vor mir. Und ich wünsche mir, dass ich sie nie vergesse, auch wenn ich zurück im schwarzen Land des Teers bin (aua, Melodramatik).

Lebendiges. Wenn ich beim Gehen nach unten schaue auf meine Tritte, dann sehe ich oft Schmetterlinge in verschiedenen Farben, die manchmal auf meinem Schuh ein paar Schritte mitreisein. Sie lieben offensichtich stinkende Socken, denn wenn ich die unterwegs mal ausziehe, versammeln sich ganze Horden von Schmetterlingen darauf. An heißen Tagen sind auch Eidechsen oder kleine Schlangen unterwegs. Einmal bin ich sogar aus Versehen auf eine Kreuzotter getreten, was mir sehr leid tat. Aber ich glaube sie hat keine bleibenden Schäden davon getragen und mich zum Glück auch nicht gebissen. Fast überall wo Wiese ist, hüpfen knarzend Heuschrecken aus dem Weg. Es ist also eine ganze Menge los da unten. Auch die Begegnungen mit größeren Tieren sind mir hier oben sehr willkommen. Inzwischen werden sie von mir auch immer, wie andere Wanderer, gegrüßt. Je nach Tier gibt es verschiedene Grußformeln die je auch anders erwidert werden. Zu aufgeregten Murmeltieren sage ich manchmal, wenn sie sehr viel rumschreien, dass sie doch mal chillen sollen, schließlich würde ich ihnen nichts tun. Aber das schert sie wenig. Kühen nicke ich eher nur zu, die gucken dann lange zurück und manchmal bleibe ich stehen und erwiedere das Starren. Schafe werden meistens mit „Yo, whats up guys?“ begrüßt, irgendwie scheint mir das passend, sie sind so entspannt und cool. Mit Schafen rede ich am meisten, ich hab das Gefühl sie finden das gut. Pferde muss ich immer streicheln, die riechen so warm, und die Ruhe und Kraft die sie ausstrahlen tut mir gut. Zu Steinböcken und Gemsen sage ich meistens „sorry“, weil ich sie erschrecke und es schließlich ihr Land ist, in dem ich wahrscheinlich eher störe. Mit Bergdohlen am Gipfel teile ich grundsätzlich mein Essen. Sie sind mir die Liebsten und ich versuche mich in ihrer Gunst so gut zu stellen, dass sie mich, falls es eine Wiedergebut gibt, in ihre Riege aufnehmen. Andere große Vögel, wie Bartgeier und Adler habe ich auch schon gesehen, da war ich aber so sprachlos, dass ich ganz vergessen habe sie zu grüßen.

Richtung und Höhe. Insgesamt laufe ich ja von Ost nach West. Ich habe Vormittags die Sonne im Rücken und laufe Nachmittags auf sie zu, bis sie untergeht. Die Entscheidung in diese Richtung zu gehen erweist sich als sehr wertvoll. Auch weil die Berge gen Westen tendenziell immer höher und damit auch immer anspruchsvoller werden. Die Höhenunterschiede im Auf- und Abstieg zwischen den Etappen haben sukzessive zugenommen. Der Abstieg vom Gipfel des Ortlers bis ins Tal betrug satte 2600hm, die mir zu Fuß am Anfang der Tour sicher wesentlicher zu schaffen gemacht hätten. Am liebsten laufe ich azyklisch zu den Anderen Bergsteigern. Ich gehe also entweder wesentlich früher oder wesentlich später los und mache dann Mittags entweder eine sehr lange Pause, oder gehe bis es dunkel wird.

Körper. Mein Körper macht mit, er ist dieser ganzen Unternehmung sehr zugetan und dafür bin ich – wie schon so oft gesagt – sehr dankbar. Ich spüre wie sich alle Fasern verändern, genieße die Kraft und Ausdauer und habe Freude daran meine körperlichen Kapazitäten weiter auszubauen. Denn auch technische Herausforderungen kann ich mit einem gut arbeitenden Körper natürlich besser annehmen. Das Vertrauen in die Fähigkeiten meines Gebälks lässt mich verantwortungsbewusst bleiben und macht Lust auf die Herausforderungen die ich mir sonst wahrscheinlich nicht zugetraut hätte. Ich würde inzwischen immer den anspruchsvolleren Weg wählen, wenn es eine Auswahl gibt und das Wetter stimmt. Am Anfang der Tour war das nicht immer so.

Gehen. Eine deutliche Erkenntnis ist, dass ich bergauf gehen wesentlich lieber mag, als bergab gehen. Insbesonders lange Strecken bergauf, da kann ich gar nicht genug davon habe. Egal ob steil oder als langsamer Anstieg – Hauptsache bergauf. Was ich dabei nicht leiden kann, ist wenn ich anhalten muss. Und mich unterhalten, das mag ich bergauf auch nicht. Das stört meinen Rhythmus, den ich gerade bergauf besonders genieße. Wenn es über lange Passagen unschwer bergab geht, habe ich mir angewöhnt die Zeit zum telefonieren zu nutzen. Dann kläre ich organisatorische Dinge oder rufe meine Eltern an. So spüre ich das leise Meckern meiner Knie weniger und die Strecke fühlt sich kürzer an. Ich habe festgestellt, dass die Gedanken beim bergauf gehen ganz anders sind als beim bergab gehen. Aufwärts sind sie einfach. Je steiler, desto simpler. Es geht um Logistik, ich mache innerlich To Do Listen oder nehme mir vor, wen ich einmal anrufen sollte. Wenn es ganz steil ist, habe ich meistens einfache Lieder im Kopf. Sie laut zu singen, dafür fehlt mir dann die Puste, aber ich bin überrascht wie viele Lieder aus meiner Kindheit auftauchen. Bergab denke ich über alles genauer nach, es kommen mir Bilder in den Sinn, die ich beschreiben möchte, es fallen mir Situationen ein, über die ich dann nochmal nachdenken kann und ich habe Ideen für Geschichten. In jedem Fall ist mir nie langweilig, weil zwischen meinen Ohren so viel rumschwirrt, dass ich es manchmal am liebsten abschalten würde um einfach nur ruhig zu sein. Aber mit der Zeit gelingt mir das auch immer mehr. Ich finde es aber faszinierend, wie lange ich dafür brauche in so einem Zustand der Klarheit anzukommen und wie kurz es mir nur gelingt, diesen zu erleben. Insgesamt mache ich unterwegs auch recht wenig Pausen. Nur an den Schlendriantagen, da geht es auf einmal ganz leicht mittags auf einer Wiese oder Hochebene liegen zu bleiben. Und dann kreisen auch die Gedanken etwas langsamer, ein bisschen wie die Bergdohlen, denen ich bei ihrem Flug zusehen kann.

Ernährung. Auch das mit dem Essen klappt erstaunlich gut. Vorbei ich sagen muss, dass ich es sehr genieße hier im Tal jetzt nicht jeden Tag entweder Bratkartoffeln mit Spiegelei oder Pasta zu essen. Auf den Hütten waren das meistens die Gerichte meiner Wahl (wenn es eine Wahl gab), weil hier die Energiebilanz im Preis-Leistungsverhältnis am Besten ist. Ich versuche ja schon sparsam unterwegs zu sein, insbesondere weil jetzt die Schweiz kommt und dort alles sehr teuer sein wird. Ich könnte eigentlich Abends immer mindestens zwei Portionen essen, was aber halt meistens nicht drin ist. Tagsüber esse ich die köstlichen Clif Bars (nach einem Monat bin ich ihrer noch kein bisschen überdrüssig) und dazu Äpfel. Meistens habe ich noch irgendwo etwas Käse, Kaminwurzn oder Cracker gekauft, manchmal harte Eier, ab und zu eine Packung Gummibärchen (guilty pleasure am Berg) oder eine Tafel Schokolade. Ich hungere zwar nicht, aber ich könnte wesentlich mehr essen. Dem Gefühl nach wahrscheinlich doppelt so viel wie in meinem sonstigen Alltag. Hier im Tal genieße ich das endlose Frühstücksbuffet, die fantastischen Pizzas und Salate, sowie jetzt eben zweimal in Folge die leckeren Burger der Vinterra Stroossnkuch. Trinken tue ich Wasser, in rauhen Mengen. Dank meinem fantastischen Wasserfilter geht es recht einfach und fast überall meine Reserve aufzufüllen und ich spare mir viel Gewicht, wenn ich das Wasser nicht rumtragen muss. Ich habe immer ca. 0,5 Liter dabei, oder wenn ich weiß dass auf der Strecke kein Wasser fließt dann natürlich auch mal mehr. Für Geschmack packe ich manchmal eine halbe Braustetablette von Frubiase in die Flasche. Das gibt, wenn nötig, auch noch einen extra Kick Energie. Ebenso wie die famosen Clif Bloks, die lecker schmecken und sofort wirken. Auch wenn ich sonst keine Frühstückerin bin, fühle mich mich meistens doch besser, wenn ich nach einer Stunde weg mal was esse. Und auf einen Kaffee zu verzichten, das fällt mir immernoch schwer. Aber es sind hier ja schließlich die Alpen und eine Hütte auf der es einen Kaffe gibt ist selten weit.

Ausrüstung. Meine Ausrüstung, sowohl die Hardwear wie auch die Klamotten sind perfekt. Ich könnte mir nichts Besseres wünschen. Es gibt tatsächlich kein Teil, das mich im Rucksack nervt, nichts Überflüssiges, aber es fehlt auch nichts. Es war eine gute Idee die kleine Blackroll mitzunehmen und ein Terraband, beide sind oft im Einsatz. Der Helm ist leicht wie eine Feder, die ebenfalls ultraleichte, aufblasbare Exped Matte hält dank ihrer Daunenfüllung wunderbar warm und von dem Schlafsack schwärme ich ja eh immer wieder. Drunter liegt, ein Geschenk meiner Freundin April, eine superdünne Tyvec Folie, auch ein Lieblingsstück in meinem Rucksack. Und dank der wasserdichten Packsäcke bleibt alles schön ordentlich. Irgendwann schreibe ich nochmal eine gesamte Liste zu allem was ich dabei habe und beschreibe Sinn und Zweck, Funktion und Qualität etwas genauer.

Zur Feier des Tages hier ein paar meiner Lieblingsbilder bisher, diesmal in chronologischer Reihenfolge:

Etappe 1 – Julische Alpen


Etappe 2 – Karnische Alpen


Etappe 3 – Sextener Dolomiten


Etappe 4 – Puez, Schlern, Rosengarten (Dolomiten)


Etappe 5 – Ortler Gruppe

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