47. Tag – Schnee, Nebel und goldenes Licht

Strecke: Lago di Morasco (1815m) – Passo di Nefeliù (2583m) – Rif. Margaroli (2194m) – Scatta Minoia / Biv. Conti (2599m) – Alpe Forno (2220m) – Btta d’Arbola / Albrunpass (2408m) – Binntalhütte (2265m)

Es war ein langer Tag. Und ein toller Tag voller Ereignisse. Entspannt ging es los in Richtung Vallone di Nefelgiù und ich habe unterwegs noch ein paar Sachen erledigt. Der Weg war breit, und ich habe nicht viel um mich geschaut. Es ging leicht bergan und in meinem ebenmäßigen ruhigen Tempo war ich trotz Multitasking mit dem Handy schnell im Rhythmus. Dann begann der Weg durch das wunderschöne Nefelgiù-Tal und ich habe die Aussicht, die Ruhe und die Einsamkeit sehr genossen. Überall plätscherte Wasser und der Weg ging jetzt steiler Bergauf und mündete wieder in einem Blockgelände voller schöner großer Felsklötze. Irgendwann habe ich mich umgedreht und einmal wieder zurückgeschaut, dorthin wo ich her komme, nach Osten. Ich konnte die Strecke vom Vortrag noch gut erkennen. Mich macht das immer ganz glücklich. Es ist wie ein „Tagwerk“ betrachten, etwas was man geschafft hat und das nun mit all seinen kleinen und großen Erlebnissen einen Platz auf meinem großen Lebensweg eingenommen hat, der nie wieder gelöscht werden kann. Und dann schaue ich nach vorne und spüre die prickelnde Neugier auf alles was kommt. Was erwartet mich hinter dieser nächsten Scharte? Wie wird das Wetter auf der anderen Seite sein? Welche Gipfel tauchen auf und begleiten mich dann auf meinem Weg hinab um mich auf der anderen Seite des Tals wieder hinaufzuziehen? 

Die Aussicht oben vom Passo di Nefelgiù aus war mir vertraut. Ein weiterer türkis glänzender Stausee und sich windende Wege auf der anderen Seite. Auf der Margaroli Hütte habe ich eine kurze Pause gemacht und mich noch einmal in Italien so richtig satt gegessen. Es gab Gnocci mit Ragù. Sehr lecker. 

Ich bin nicht lange geblieben, weil das Wetter doch recht unsicher aussah. Von den geplanten 28 Kilometern lag der Großteil noch vor mir. Zunächst ging es noch sonnig am Lago Vannino entlang. Irgendwie strahlen diese Stauseen trotz ihrer hellen Farbe etwas bedrohliches aus. Kaum war ich bei 2400m Höhe angelangt, fing es an zu graupeln. Zunächst hat mir das weiße trockene Wirbeln noch Spaß gemacht, aber dann kam der Wind dazu und mit steigender Höhe wurde es kalt und der Graupel wurde zu Schnee. Unterhalb der Scatta Minoia war es dann ein richtiger Sturm geworden und ich war froh und erleichtert in der Biwakhütte Conti oben Schutz zu finden. Leider war es aber auch drinnen wirklich kalt und es gab außer dem Gasherd keine Möglichkeit zu heizen. Also habe ich mich in den Schlafsack gelegt, die vorhandenen Decken über mich gestapelt und ein bisschen geschlafen. Als ich aufgewacht bin war mir so kalt, dass ich mich kaum bewegen konnte. Ich dachte ich kann auf keinen Fall aus dem Schlafsack raus. Nach häufigen Anlauf ist es mir dann gelungen, aber ein kurzer Blick vor die Tür war auch nicht erheiternd. Draußen schneite es quer, es windete eisig kalt und die Sicht war schlecht. Also habe ich mir einen Tee gemacht und versucht mich mit Bewegung in der Biwakhütte irgendwie aufzuwärmen. Zugegeben, ich war mir nicht sicher, wie es weitergehen sollte. Bei dem Wetter zu gehen wäre dumm gewesen, zum bleiben war es aber wirklich zu kalt, zumal ja erst Nachmittag war und die Aussicht auf eine noch kältere Nacht hat wirklich keinen Spaß gemacht. Eine Biwakhütte oben auf der Scharte ist zwar hübsch, aber wettertechnisch wirklich keine gute Idee.

Als ich draußen nach einer Stunde nochmal Schnee geholt habe um mir etwas zu Essen zu kochen, hatte sich das Wetter etwas beruhigt. Und 10 Minuten später sah es schon wirklich passabel aus. Also habe ich schnell alles zusammengepackt und mich auf den Weg gemacht. Das Ziel war die Binntalhütte, die laut Karte jenseits der Schweizer Grenze hinter dem nächsten Pass war. Es war schon 17 Uhr und ich habe einfach gehofft, dass ich dort vor Dunkelheit ankommen würde. Draußen schlafen war ja nun leider ausgeschlossen. Aber (Danke Körper) ich hatte plötzlich ganz viel Energie, das Laufen ging ganz leicht und schon bald war mir dann natürlich auch nicht mehr so kalt.

Aus dem Valle Devero zog der Nebel herauf und es war eine wunderschöne Stimmung. Ich konnte irgendwann kaum mehr meine Füße sehen, aber der Weg war deutlich ausgetreten und das GPS bestätigte mir immer wieder, dass ich noch richtig war. Die Stille in dem dichten Nebel war wunderschön. Mit dem Höhenmesser konnte ich meinen Standpunkt nachvollziehen und ich wusste, dass ich gut in der Zeit war. Immer wieder tauchten einzelne Details aus dem Nebel auf und stellenweise lichtete er sich so weit, dass ich ein paar Meter vor mir einen Fuchs erschreckte, der sicher nicht mit mir gerechnet hatte. Er ist schnell weggerannt und die Murmeltiere haben Alarm geschlagen. Dann war es wieder still. Geradezu mystisch, aber voller Frieden. Mich hat das auch ganz ruhig gemacht und ich habe mich sicher und beschützt gefühlt von meinem Umfeld. 

Und dann kam ich über den Albrunpass und plötzlich war der Nebel weg. Die noch warm strahlende untergehende Sonne schickte wunderschönes Licht in das Tal und färbte alles in ein kräftiges Gold, während der Nebel in strahlend weichen Weiß aus dem Tal den Fels hinauf zog. Es war ein atemberaubend schöner Anblick und ich bin lange stehengeblieben. Die Hütte konnte ich schon sehen und so bin ich einfach nur ein paar Meter weiter zum nächsten Bach gegangen, habe meinen Kocher angemacht und mir zu dem Lichtschauspiel eine warme Mahlzeit gegönnt. Was für eine Wunder am Ende dieses abwechslungsreichen Tages. 

Jetzt sitze ich in der gemütlich Stube der Binntalhütte auf der ich sehr herzlich von Bernadette und Heidi empfangen wurde. Strickend und Wein trinkend saßen sie neben dem warmen Ofen und ich bekam gleich einen warmen Willkommenstee. Die Binntalhütte wird von wöchentlich wechselnden Mitgliedern der SAC Sektion Delemont betrieben. Bernadette und Heidi sind seit gestern hier oben und ich bin der einzige Gast. Wir hatten einen gemütlichen Abend und ich freue mich jetzt darauf hier im Warmen in meinen noch wärmeren Schlafsack zu kriechen. Vermutlich muss ich mich langsam von dem draußen schlafen verabschieden, so schade das ist. Der Winter hat in der Schweiz einfach schon begonnen und wenn ich bis zum Ende meiner Tour jeden Tag gesund und erholt weiter gehen will, sind verfrorene Nächte wohl ein ungutes Risiko. Und schließlich geht es ja nicht darum hier zu beweisen wie „krass“ man es haben kann. Es sind ja immernoch die Alpen, mit einer Hütte alle paar Meter… es wäre also ein bisschen dumm, das nicht zu nutzen. Das „extreme“-Spektrum des Schlafsacks auszuloten, das kann ich mir ja auch für eine Situation aufheben, in der es nicht anders geht. Vielleicht bei einem nächsten Projekt in einer Region mit einer weniger dichten Infrastruktur. Aber mal sehen was das Wetter und die nächsten Tage bringen. 

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