50. Tag und ein inspirierender Fall

Strecke: Turtmannhütte ( 2519m) – Turtmannsee (2177m) – Wäng (2250m) *Absturz* – Abstieg nach Gruben (1818m) – Autostopp nach Grimentz (1864m) – Hotel de Moiry

Heute wird kein langer Beitrag. Ich bin todmüde und habe gerade schon eine Stunde geschlafen. Ich bin in einer Pension in Grimentz im Wallis, heute leiste ich mir das.

„Na, das ist nicht nur dein 50. Tag, sondern auch ein neuer Geburtstag“ sagte die Schäferin Marianne, als sie die Stelle sah, an der ich gestürzt bin. Kaum einen Meter weiter und ich wäre eine nicht unerhebliche Felswand hinabgefallen. Die Überlebenschance wäre glaube ich nicht so groß gewesen. Aber das ist jetzt egal. Ich bin gesund und außer einer geprellten Hüfte und einem Schock (der mich vermutlich jetzt so müde macht) geht es mir gut.

Es gibt keine spektakuläre Geschichte zu dem Sturz oder der Stelle an der ich gestürzt bin. Es war ein ganz normaler kleiner Wanderpfad, der sich an einem steilen Hang am Tal entlang aufwärts schlängelt. Ein schöner und entspannter Wanderweg und der Zustieg zur Forcletta (2847m) meinem geplanten Übergang vom Turtmanntal ins Zinaltal. Und ich habe, vielleicht weil es eben ein so einfacher Pfad ist, nicht auf jeden Schritt geachtet. Und dann bin ich ausgerutscht. Ich habe mich samt Rucksack zweimal überschlagen,  und konnte mich eben jenen Meter von der Felswand entfernt schließlich halten. Der Sturz kam mir vor wie eine Ewigkeit. Es ist faszinierend, dass ich jedes einzelne Bild während dem Sturz ganz genau wahrgenommen habe. Ich erinnere mich wie sich alles gedreht hat, weiß noch wie ich den kleinen Baum gesehen habe und den Fels danach. Ich hatte ganz präzise Gedanken dabei. Erst brauchte es einen Moment zu kapieren dass ich falle. Dann kam sofort der Pragmatismus. „Was ist wo? Aha, ein Busch. Oh, ein Abgrund da vorne  = ich muss mich halten. Wo? Wie? Sofort auf den Bauch drehen, Füße in den Berg, wie beim Fallen am Gletscher. Halten. Scheiße, mein Rucksack macht dass ich mich nochmal überschlage, noch über diesen Felsblock da falle. Achtung, nicht mit dem Kopf drauf, mit den Armen den Kopf schützen. Passt. Jetzt anhalten. Mit der Hand müssste ich den Baum halten können. Gut. Angehalten. Danke. Alles ist gut, alles ist gut. Hält das wo ich stehe? Es hält. Bin ich ganz? Alles dran.“

Im Nachhinein klingt das eigentlich ganz lustig. Lustig fand ich es in dem Moment aber nicht. Ich bin dann vorsichtig wieder zum Weg rauf geklettert und hab mich hingesetzt. Alles hat gezittert und mir war schwindlig. Irgendwann habe ich den Rucksack abgemacht und gemerkt, dass noch alles drin war. Auch in den Außentaschen. Nur das Handy war mir aus Hand gefallen. Ich hatte es gerade einstecken wollen, als ich ausgerutscht bin. Nein, ich hatte nicht auf’s Handy geschaut, aber ich war doch damit irgendwie beschäftigt. Never again. Oder jedenfalls nicht, wenn ich nicht gerade auf einem breiten Forstweg gehe.

Dann habe ich also angefangen das Handy zu suchen. Bin nochmal runtergeklettert und habe versucht nachzuvollziehen wo es hingefallen sein könnte. Aber ich war noch zu zittrig und hatte dann doch Sorge in dem Zustand nochmal abzurutschen. Also bin ich den Weg zurück bis zum Stausee gelaufen und dann in Richtung Tal. Den Rucksack habe ich oben gelassen. Als mir eine Frau entgegen kam, hab ich sofort angefangen zu heulen. Aus Erleichterung, glaube ich. Es hat so gut getan einen anderen Menschen zu sehen. Und Marianne war unglaublich nett. Und dann fing meine Hüfte an weh zu tun. Marianne ist mir mir zurück zu der Unfallstelle gelaufen und wir haben das Handy gefunden. Auf dem Rückweg haben wir ihre Zäune eingesammelt und auf ihrer Hütte hat sie mir sogar noch einen Kaffe gemacht. Ihre Kollegin Bettina, eine Ärztin aus Prad am Stilfser Joch, hat meine Hüfte untersucht. Was für ein Glück ich auch immer habe.

Ich bin dann langsam ins Tal gegangen. Der Rucksack sitzt leider genau auf der schmerzenden Stelle auf der Hüfte. Anstatt über die Forcletta bin ich also schweren Herzens per Autostop ins nächste Tal gefahren.

Jetzt wird die Hüfte langsam blau. Dank Ibuprofen halten sich die Schmerzen aber noch in Grenzen. Mal sehen wie es mir morgen geht. Hoffentlich kann ich weitergehen.

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2 Gedanken zu “50. Tag und ein inspirierender Fall

  1. Ana, liebste Ana, wir denken an Dich und wünschen Dir, dass Du gut schlafen kannst und nach diesem grenzwertigen Erlebnis wirklich wie neu geboren morgen früh erwachst. lass Dir Zeit, das alles zu verarbeiten. Die Berge sind noch eine Zeit lang da, denke ich, und Du jetzt Gott sei Dank auch. Ich umarme Dich, Deine katalin

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  2. Hoi liebe Ana, ich bin riesig froh, dass das Glück auf deiner Seite stand. Ich möchte dich wirklich wieder sehen.
    14. Dezember Vortrag wie, was wo???? bitte melde dich bei mir. Bernadette von der Binntalhütte

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