54. Tag – Mehr Sonne, mehr Nanouk, mehr Erholung

Ort: Cabane des Dix (2928m)

Heute ist der zweite Tag meiner Erholungsphase auf der Cabane des Dix. Ich bin schon mit Bewegungsdrang aufgewacht. Wahrscheinlich ist es die viele frische Luft nach der wunderbaren und sternklaren Nacht draußen. Der Gletscher hat geleuchtet und ich konnte mir kaum so viel Wünschen wie ich Sternschnuppen gesehen habe.

Ich bin nach dem Frühstück kurz zum Tete Noire hochgelaufen, der kleine Gipfel neben der Cabane. Von dort hat mein einen wunderschönen Blick hinunter zum Lac des Dixence und zu Weißhorn, Dent Blanche und Matterhorn. Es hat gut getan dort oben zu sitzen, mir den Wind um die Nase wehen zu lassen und den Schatten der Wolken dabei zuzusehen wie sie über alle Berge streicheln als wollten sie sagen „Keine Sorge, ich bin bei euch, ihr seid nicht allein“. Manchmal wirken die Berge ganz weit oben auf mich fast ein bisschen traurig. Vielleicht weil ich weiß, dass die Gletscher schmilzen, vielleicht weil sie in ihrer großen Kraft doch irgendwie einsam sind. Aber vielleicht spiegeln sie mir auch nur wieder, wie es mir selber geht. Wenn ich zur Ruhe komme, dann bin ich jetzt oft ein bisschen traurig. Ich frage mich, was bleiben wird von mir hier oben. Also was in mir bleiben wird. Natürlich, viele Erinnerungen. Aber wird es mir gelingen auch etwas von der Energie mitzunehmen?

Edith, Dan und Laura haben mich zum Mittagessen eingeladen. Zusammen saßen wir auf der Terrasse und haben köstliches Hühnchen in Wein mit Kartoffeln gegessen. Am Nachmittag wurde es auf der Hütte belebter. Über 50 Gäste haben „wir“ heute. Ich fühle mich dem Team schon ganz zugehörig und freue mich über alles, was ich helfen kann. 

Auch Susanne und Elia sind angekommen und ich freue mich darauf, morgen mit ihnen zusammen über das Col de Cheilon und den dahinter liegenden Gletscher zu gehen. Ich kann es kaum erwarten mich wieder zu bewegen.

Ein bisschen Bewegung gab es auch beim Abendessen schon. Schüsseln und Töpfe wurden zwischen Tischen und Küche hin und her getragen und ich war froh mich ein bisschen nützlich machen zu können.

Nicht alle Gäste waren angenehm. Eine Gruppe junger Männer mit deutlichen Zeichen der Studentenverbindung hat sinnlos und scheinbar wahllos Alkohol in sich reingekippt. Es ist schon erstaunlich, dass Verbindungsleute überall gleich hohl wirken. Sie wurden immer lauter und irgendwann war „ta geule“ (Halt die Fresse) das häufigste was man hörte. Aber ich glaube sie dachten von sich dabei trotzdem dass sie noch eine richtige Diskussion führen… Und dann haben sie draußen auf der Terrasse auch noch Weißwein über meinen Schlafsack gekippt. Ich hätte ihn natürlich gar nicht erst draußen hinlegen sollen, aber es war schon nach 10 Uhr und eigentlich Hüttenruhe. Aber das kennen die Jungs leider nicht. Im Nachhinein tun sie mir richtig leid. Nach der ersten großen Wut und vielen aggressiven Gedanken habe ich noch eine Menge Zeit damit verbracht darüber nachzudenken was für ein Leben sie wohl haben. Sind sie wirklich glücklich? Sehen sie etwas von der Welt außerhalb ihres scheinbar geschlossenen Kosmos? Können sie die Schönheit der Berge in sich wirken lassen? Ich wünsche es ihnen von ganzem Herzen. 

Ihre Reaktionen auf mein Ansprechen des ausgeschütteten Weins war pubertär und wirklich traurig. Anstatt sich zu entschuldigen sagten sie nur sie wären es nicht gewesen und warum ich sie einfach verdächtigen würde. Sie waren allerdings die Einzigen die noch auf der Terrasse waren und überhaupt die Einzigen weniger zivilisierten Menschen auf der Hütte. Und dabei studieren offensichtlich Medizin. Bei der Vorstellung dass sie später eine so große und wichtige Verantwortung tragen werden, dass sie möglicherweise mit Menschen in wirklich schweren Situationen sozial umgehen sollen, wird mir etwas schummrig. Ich hoffe also, dass das Leben ihnen noch die Möglichkeit gibt, mehr zu lernen und Erfahrungen zu sammeln die außerhalb ihrer Blase aus Verbindung, vermutlich reichen Eltern und stumpfen Männerabenden bestehen. Vielleicht sollten sie jeder mal alleine für ein paar Tage auf den Berg gehen ;-).

Das Thema meiner Etappe ist „Bescheidenheit“. Ich bin nicht stolz darauf mit welcher Rage ich auf die Männer reagiert habe und dass ich mir zunächst sogar Geld für den Schlafsack habe geben lassen, der mir eigentlich gar nicht gehört (sondern eine Leihgabe von Mountain Equipment ist), und den ich zudem jetzt recht gut säubern konnte. Ich danke Dan, der mich sehr freundlich darauf hingewiesen hat, dass ich mich eigentlich auf ihr Level begebe, wenn ich das Geld annehmne. Außerdem ist es in ihrem Fall auf kontraproduktiv etwas mit Geld zu „lösen“. Also spenden wir nun im gegenseitigen Einverständnis die 150 CHF an die Bergwacht. So haben wir alles etwas davon.

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