58. Tag – Saison d’amour

Strecke: La Chollière (1500m) – Col de la Chavière (2796m) – Modane (1100m) – Villarodin (1200m) 

Heute war lang und weit und ich bin hundemüde. Aber es war eine sehr schöne Etappe ohne technische Schwierigkeiten, und vor Allem habe ich heute keinen anderen Menschen gesehen. Schon seit ein paar Tagen ist es sehr ruhig hier oben. Ich fühle mich ganz frei und genieße es in vollen Zügen die Berge für mich zu haben. Die Landschaft hier passt so gut zu meiner inneren Stimmung, dass ich mich manchmal frage ob sich meine Stimmung nach nun fast zwei Monaten in den Bergen einfach nach der Landschaft richtet. Es ist klar und weit und dabei herbstlich bunt hier. Weiter oben hat es auch etwas herbes und karges, aber selbst dort funkeln kräftige Rot- und Violettöne aus den kleinen Gewächsen am Boden, aus dem Tal blinken die gelb gefärbten Bäume und irgendwo plätschert immer ein Wasser. Man kommt an den typischen kleinen Steinhäusern vorbei, die sich in den Berg ducken als würden sie sich verstecken wollen. Jetzt sind alle Fenster vernagelt und auch ringsum ist alles schon winterfest gemacht. Die Hütten in dieser Region haben alle schon geschlossen und kaum ein Wanderer geht hier noch in die Berge, seit es vor zwei Wochen zum ersten Mal geschneit hat. Schon im Tal waren die Reaktionen manchmal überrascht, wenn ich sagte ich wolle noch hoch. Die Menschen hier haben sich vom Sommer schon verabschiedet. Ich hingegen komme ja aus dem Schweizer „Winter“. Für mich ist es hier warm und ich genieße den Herbst mit seiner reichen Farbenpracht.

Und bei den Tieren ist jetzt die „saison d’amour“. In einem kleinen Laubwald, der noch auf 2000m gegenüber meines Weges auf der anderen Seite einer Schlucht lag, wurde gebalzt was das Zeug hält. Es müssen mindestens drei liebeshungrige Hirsche gewesen sein, die mit tiefer Stimme und voller Inbrunst röhrten. Ich hatte das noch nie gehört, es klingt rauh und voll und ja, irgendwie leidenschaftlich. Zunächst dachte ich, dass es vielleicht ein verletztes Tier wäre, aber die Rufe klangen nicht nach Schmerzen. Sicherheitshalber habe ich den Parkwächter angerufen, der mich lachend das mit der „saison d’amour“ erklärte. Jetzt habe ich mal nachgelesen und finde es ganz interessant, wie das bei den Hirschen läuft. Man kennt ja den Begriff „Platzhirsch“. So wird bei den echten Hirschen der stärkste Hirsch genannt, der sich  erfolgreich mit nach Drohgebärden („Bodenforkeln“) und ersten Kämpfen gegen die männlichen Rivalen durchgesetzt hat. Die weiblichen Hirsche heißen Kahlwild, weil sie eben kein Geweih haben. Aber es gibt auch die „Beihirsche“, das sind die, die sich in weiterer Entfernung aber um das Kahlwildrudel herum aufhalten (…haha). Der Platzhirsch röhrt am häufigsten, und zwar üblicherweise in einer Serie von drei bis acht Einzelrufen. Der erste Ton ist am lautesten und am längsten. Besonders geröhrt wird bei Gefahr von Rivalen, bei der Paarung oder wenn er ein weibliches Tier ins Rudel zurück treibt. Angeblich unterscheiden sich die Rufe der einzelnen Hirsche so stark, dass sie unterschieden werden können.

Soweit der Exkurs ins Leben der Hirsche zur Brunftzeit. Aber die „saison d’amour“ hat sich fortgesetzt. Ich habe kullernde und sich „verknallt“ kreischend gegenseitig jagende Murmeltierpärchen gesehen, die mich wirklich zum Lachen gebracht haben in ihrem Übermut. Plötzlich sah ich auch Vögel nur noch in Paaren fliegen und Schmetterlingspärchen umeinandertänzeln. Aber das war bestimmt auch meine saison d’amour Brille…

Ich merke aber jetzt, wie müde mein Körper ist. Ich glaube dass die mentale Beschäftigung mit dem Ende der Tour schon physische Signale in den Körper geschickt hat. Und der stellt jetzt schon einen Gang runter und sagt: „Wenn wir bald da sind, dann können wir jetzt auch ganz langsam machen, ja?“ Ich gönne meinem Körper das von ganzem Herzen und versuche ihm zu geben was er braucht. Auch wenn es heute mit knapp 27km eine lange Etappe war und 1300hm hoch und noch mehr wieder runter auch nicht nur Spaziergang waren, so habe ich es doch langsam angehen lassen und viele Pausen gemacht. Mittags lag ich eine Stunde in der Sonne und habe gemerkt, dass ich davon jetzt noch mehr will. Denn erst als ich ruhig wurde, begannen die Gedanken zu fliegen. Also werde ich meine Tour für die letzten zwei Tage entsprechend planen und schauen ob ich unterwegs Seen oder Bäche finde, an denen ich gut sitzen, schreiben, und reflektieren kann.

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