60. Tag – Grenoble vor Augen

Strecke: Villar d’Arêne (1600m) – Autostopp: La Grave, Séchilienne, Vizille, Chamrousse (1600m) – Col de L’Infernet (2050m) – Col de la Botte (2175m) – Col des Lessines (2100m) – Lacs Robert (2100m)

Das war schon ein überwältigendes Gefühl, als ich heute von hier oben aus auf Grenoble hinuntergesehen habe. Komischerweise hatte ich gar nicht damit gerechnet, aber auf einmal war ich richtig aufgeregt. Ein paar Metalldächer der Stadt haben unten im Sonnenlicht geblitzt, und es überkam mich eine Mischung aus Freude und Angst vor genau diesem metallgeladenen und dröhnenden Umfeld voller Menschen, das mich da unten morgen erwartet.

Einen Vorgeschmack hatte ich heute morgen, als ich vor dem Aufstieg noch in Vizille in einem Supermarkt war. Es war der erste große Supermarkt seit zwei Monaten und ich war geblendet und überfordert und erschrocken ob der völlig unnötig großen Auswahl an unendlich vielen Dingen. Ich hatte richtig Mühe ein einfaches Joghurt zu finden und obwohl ich am liebsten so schnell wie möglich aus dem Neonlicht verschwunden wäre, habe ich eine halbe Ewigkeit gebraucht. Ich habe mich immer wieder dabei ertappt wie ich irgendwo stehengeblieben war und fassungslos in Kühlschränke oder Einkaufswägen gestarrt habe. Dass man das alles wirklich haben will ist mir unbegreiflich. Ich wusste schon, dass Supermärkte in Frankreich ähnlich megalomanisch sind wie in den USA, aber heute hat mich das wirklich fertig gemacht.

Ich war sehr froh als ich dann endlich mit Salat, Joghurt und einer Quiche ausgestattet loslaufen konnte. Vizille ist eine triste kleine Stadt, ganz anders als La Grave, wo ich noch am Vormittag gewesen war. Dort möchte ich gerne wieder hin, es ist ein schönes, nicht zu touristisches Dorf voller Bergmenschen, Kletterer und alten Bauern. In Vizille hingegen ist alles dreckig und obwohl es ringsum wunderschön ist hat der Ort selbst den Charme des Supermarkts… 

Der Weg von Chamrousse ging anfangs über Skipisten. Sobald es aber steil durch den Wald hinauf ging wurde es ganz still und verwunschen schön. Ich habe plötzlich, wie als Abschiedsgeschenk, alle meine Energie wieder gespürt und es war wunderbar noch einmal aus den Vollen schöpfen zu können und in einem schnellen aber dabei nicht gehetzten Tempo bergauf zu laufen. Mein Kopf hatte wie frischen Wind von innen beklommen. Es ging an ein paar kleinen schönen Seen vorbei und die Bäume lichteten sich. Hier und da ragten als starre Fremdkörper die Skilifte aus der Landschaft, wie das Metall nach einer Operation aus einem gebrochenen Knochen. Aber trotzdem waren die Farben wunderschön und die Aussicht in die hohen Berge von Les Ecrins, die sich manchmal auftat, hat wieder Lust auf die nächsten Projekte gemacht. Gerne würde ich hier im Winter eine mehrtägige Splitboardtour über die Gletscher machen. Ich bin mir sicher, dass es auch im Winter hier unglaublich schön ist.

Oberhalb der Lacs Robert konnte ich schon ahnen, dass hinter der nächsten niederen Felskette Grenoble zu sehen sein würde. Unten an den Seen packten gerade drei junge Leute ihre Sachen zusammen. Sie wirkten sympathisch und ich hatte einen richtigen Drang diesen Moment zu teilen. So habe ich einfach ihnen erzählt, was es für mich bedeutet jetzt gleich, nach 60 Tagen und 1900km Weg Grenoble zu sehen… Sie waren total freundlich und haben mir gleich angeboten, dass ich in Grenoble noch bei ihnen übernachten könne. Aber morgen Nachmittag geht der Bus zum Flughafen nach Lyon. Ich habe sie nicht gebeten ein Foto zu machen (hier Titel), bei dem ich vor der letzten kleinen Barriere aus Fels stehe, die mich von dem Blick nach Grenoble trennt. Nachdem wir uns schon verabschiedet hatten, kam das Mädchen zurück und schenkte mir noch eine halbe Tafel Schokolade. Das war eine so vielsagende und schöne Geste, und ich habe die Schokolade voll Genuss im Anblick von Grenoble bei Sonnenuntergang verspeist.

Heute ist meine letzte Nacht draußen und ich habe einen sehr schönen Platz direkt am See. Ich gehe gleich noch ein bisschen zu den netten Jungs die oben ein Feuer gemacht haben. Sie schlafen in der kleinen Biwakhütte, die unweit der Seen steht. Es sind zwei richtige Stadtjungs und vielleicht ist ein bisschen Zeit mit ihnen gar nicht so schlecht als kleine „Transitiontime“ ;-). Aber ich freue mich darauf in meinem Schlafsack zu liegen und in dieser hellen und klaren Festnacht zu den Sternen zu gucken.  

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2 Gedanken zu “60. Tag – Grenoble vor Augen

  1. So ein wunderschöner, erfüllter, hoffnungsgeladener Abschiedsbericht!!! Danke, Ana, Danke, dass Du mich all die Zeit hast teilhaben lassen! Ich freue mich so auf unser Wiedersehen. Gute Reise! Deine Katalin – bin jetzt dann mit dem Rad auf Herren chiemsee unterwegs, also nur per Handy erreichbar. Alles Liebe, Katalin ps.: Hoffentlich erschreckt Dich mein lieb gemeinter, roter „Fresskorb“ nicht. Einiges davon sollte noch am Abend in den Kühlschrank.

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  2. Hallo Ana,

    ich hoffe, Du hast Dich, im Positiven gemeint, nun langsam wieder an die Zivilisation gewöhnt, ich hoffe es!
    Danke für Deine offenen, ehrlichen Berichte, die mich sehr und immer zum Nachdenken anregen.
    Danke : ))

    Ganz liebe Grüße aus dem „Norden“

    David

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